Geschichte des Engelsdorfer Gemeindeboten

Eine lückenlose geschichtliche Darstellung unseres Gemeindeboten ist dieser Hintergrund nicht, bestenfalls eine erste Annäherung. Die Erinnerungen der Interviewten ist zu bruchstückhaft und teilweise widersprüchlich. Wie historisch wichtig der Bote ist, formulierte der damalige Bürgermeister Volker Zocher in der Letztausgabe des Gemeindeblattes 1999: »Er bietet in seiner Entwicklung ein Spiegelbild des Gemeindelebens von Engelsdorf. Es wird interessant sein, die Gemeinde in einigen Jahren durch diesen Spiegel zu betrachten und mit dem aktuellen Stand zu vergleichen.« Wer Hinweise auf dieser historischen Spurensuche liefern kann, wendet sich bitte an den Autoren dieses Beitrages.

Hintergrund

Wir in Engelsdorf 02/1990 – 12/1993
Seit Dezember 1989 trafen sich sieben Engelsdorfer, um die »wichtigsten Dinge aus dem Leben unseres Ortes unter die Leute zu bringen.« Unter ihnen muss Dagmar Dittrich und Ute Ulbricht hervorgehoben werden. Erstere hat neben dem Schriftzug »Wir in Engelsdorf«, dem Titel des monatlich erschienen Informationsblatt, das Engelsdorfer Wappen entworfen. Ulbricht gebührt neben der aktiven Mitverfasserschaft Dank dafür, dass sie sämtliche Ausgaben archiviert hat und dem Stifterhaus e.V. vermacht hat.
Der Titel der Schrift wurde in Anlehnung an das städtische Magazin »Wir in Leipzig« gewählt. »Vielleicht war es diese Ähnlichkeit, warum vielen Engelsdorfern der Name nicht gefiel«, sinniert Ulbricht.
Der damalige Bürgermeister glaubt, sich zu erinnern, dass der Tod von Dittrich zur Einstellung des Blattes führte. Um die entstandene Informationslücke zu schließen, gab die Gemeinde in den folgenden Monaten lediglich Amtsblätter heraus. Die Suche nach einer neuen Redaktion blieb erfolglos.

Tangente 02/1995- 04/1995
Nach eineinviertel Jahren leblosen Amtsblättern wurden Zocher zwei Fachleute fürs Verlagswesen von höchster Stelle empfohlen. Speziell für die Herausgabe eines Ortmagazins gründete die Gemeinde Engelsdorf 1995 eine GmbH. Als deren Geschäftsführer wurden die beiden Empfohlenen – Herr Meinel und Frau Angotti – bestellt. Als Magazintitel schlugen sie Tangente vor. Rückblickend erwies sich der Titel als prophetisch. Eine Tangente ist eine Gerade, die eine gegebene Kurve in exakt einem Punkt berührt. Diese ausschließliche Berührung waren die angeblichen Verlagsprofis selber. »Die gesamten Finanzen der Gesellschaft liefen von Anfang an aus dem Ruder. Ich zog die Notbremse und habe Herrn Meinel einbestellt. Es konnte nicht sein, dass derartig hohe Kosten entstanden sind, ehe die erste Ausgabe erschienen ist«, erinnert sich Zocher. Als Bürgermeister liquidierte er die Firma umgehend. Es folgte eine juristische Auseinandersetzung. Das kurze Gastspiel »Tangente« endete nach nur drei farbigen A4-Ausgaben.

Gemeindeblatt 05/1995 – 12/1999
Was jetzt? Wieder nur ein Amtsblatt? Gemeindeoberhaupt Zocher bestimmt Christa Apitzsch, Rechnungsprüferin und Öffentlichkeitsmitarbeiterin der Gemeinde für die Erstellung eines Ortblattes. So erschien die erste Ausgabe unter dem Titel »Gemeindeblatt« nahtlos im Mai 1995. Das Apitzsch gute Arbeit geleistet haben muss, sieht man an der stetig steigenden Auflagenhöhe. Gestartet mit 2.500 Exemplaren druckte die Gemeinde zum Ende hin 4.000 Stück. Grund hierfür waren sicherlich solch interessante Rubriken wie die Kopfnuss. Hier hat Apitzsch und die Hauptamtsleiterin Elvira Eimert knallhart Themen angesprochen, die andernorts totgeschwiegen wurden.
Mit der Eingemeindung Engelsdorfs am 01. Januar 1999 wurden neue Verwaltungsstrukturen installiert und die Redaktion des Gemeindeblattes somit über die gesamte Stadt verstreut. Im Dezember 1999 erschien die letzte Ausgabe.
Gibt es wirklich keine Exemplare mehr? Apitzsch versucht zu erklären: »Klar lagen die Ausgaben im Gemeindearchiv. In dieser Umbruchzeit hatte aber jeder von uns Existenzängste. Keine Ahnung, wer das Archiv ausgeräumt hat. Wahrscheinlich fühlte sich keiner verantwortlich. Heute bedaure ich das zutiefst.«

Engelsdorfer Gemeindebote I. ??? – ???
Für einen tatsächlichen Neubeginn bedarf es eines neuen Namens. Einer der Favoriten war »Engelszunge«. In Anbetracht der Zwangseingemeindung erschien er allerdings zu satirisch »Wir standen unter Beobachtungen, da mussten wir vorsichtig sein«, entsinnt sich Zocher. Somit fiel die Entscheidung auf »Gemeindebote«. Wann der erste Bote gedruckt wurde, ist bei Redaktionsschluss unklar. Erneut warbt Zocher, diesmal als Ortsvorsteher, um einen Herausgeber. Final gewann er die Engelsdorfer Verlagsgesellschaft GbR. In der vorliegenden Ausgabe (1. Jahrgang – Juni 2001) verfasste auffällig viele Artikel der Chefredakteur »th«. Das sind die Initiale von Timo Hemmann, dem Inhaber des seit 2004 bestehenden Engelsdorfer Verlags. Hemmann entschied sich gemeinsam mit Geschäftspartner Steffen Vieck wiederum für eine farbige A4 Aufmachung. Der Gemeindebote erschien monatlich für 50 Cent.
Ähnlich wie der Anfang ist auch das Ende unbekannt. Sicherlich wird Hemmann Licht ins Dunkle bringen können. Ein Kontakt zwischen ihm und der Redaktion kam bisher nicht zu Stande.

Engelsdorfer Gemeindebote II. 10/2004 – 11/2021
»Zwischen dem ersten und zweiten Gemeindeboten lag eine lange Ruhepause«, meint Apitzsch auf Nachfrage. Sicher ist, dass die Baalsdorferin Kerstin Eydner »ihren« ersten Gemeindeboten im Oktober 2004 herausgab. Sie begann mit einer neuen Zählung. Das Format schrumpfte zurück auf »Handtaschenformat« A5. Trotz kleineren Abmaßen und Schwarz-Weiß-Druck stand der Inhalt dem Vorgänger in nichts nach. »Der Erscheinungszyklus hat sich im Laufe geändert«, schreibt Eydner. Ab der 46. Ausgabe im April/Mai 2012 konnten sich die Leser an einer farbigen Aufmachung erfreuen.
Im Laufe der Zeit sank die Zuarbeit von Artikeln, ein bekanntes Problem. Schon die Macher des Gemeindeblattes von 1999 gaben zu Protokoll: »Es ist zu verzeichnen, dass die Informationen an unsere Redaktion nur noch sporadisch fließen und […] den Boten zu einem Anzeigenblatt verkommen zu lasssen, schien uns zu schade. Bunte Anzeigenblätter gibt es bereits zu viele.«
Eydner überlegte, ihr Engagement einzustellen. Im September 2019 traf sie sich gemeinsam mit dem kurz vorher neugewählten Ortschaftsrat und besprach die Lage. Am Ende der Sitzung einigten sich die Teilnehmer, dass der Ortschaftsrat der neue Herausgeber des Gemeindeboten wird und Eydner die Redaktion übernimmt. Seitdem bezahlt der Ortschaftsrat die Druckkosten aus seinen Brauchtumsmitteln und der Gemeindebote ist für die Leser kostenlos.
Nach dieser Vereinbarung erschien der Bote nur noch drei Mal pro Jahr. Mit der Winterausgabe 2021/2022 endet das Kapitel Gemeindebote II. »Nach nunmehr 99 Ausgaben des Engelsdorfer Gemeindeboten in der jetzigen Form hat der Engelsdorfer Ortschaftsrat beschlossen, die Redaktion des Ortsblattes in andere Hände zu geben«, verabschiedete sich Eydner in ihrer letzten Ausgabe als Chefredakteurin. Aus Unkenntnis des Autors über die historischen Zusammenhänge und dem Schweigen derer, die es hätten wissen können/müssen, wurde Eydner um das Jubiläum ihrer 100. Ausgabe gebracht. Das bedauert der Autor zutiefst. So dankt man kein Engagement.

Engelsdorfer Gemeindebote III. 04/2022 – ???
Diese Geschichte fängt gerade erst an. Eine Kooperation zwischen dem Ortschaftsrat als Herausgeber und dem Stifterhaus e.V. als Redaktion ist für das Jahr 2022 geschlossen.

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